Es ist später Nachmittag. Der Tag war voll, der Kopf raucht. Eigentlich wollte ich nach der Arbeit noch kurz rausgehen und danach vielleicht etwas Frisches kochen. Stattdessen finde ich mich in der Küche wieder und suche wie ein Eichhörnchen auf Jagd nach der letzten Nuss vor dem Winterschlaf nach etwas Süßem.

Einfach, weil ich es gerade „brauche“ nach so einem anstrengenden Tag. Mal kurz raus aus dem Stress und sich etwas „Gutes“ tun. Die Schoki macht mich für einen Moment glücklich, das Dopamin schlägt aus. Aber der Moment geht vorbei und ich fühle mich wieder gestresst. Zusätzlich habe ich jetzt auch ein schlechtes Gewissen und Lust auf rausgehen habe ich jetzt auch nicht mehr. Na toll. Das nennt man wohl eine klassische Lose-Lose Situation. Der innere Schweinehund 1 – meine Disziplin 0.
Na, erkennst du dich wieder? Vielleicht ist es bei dir nicht die Schokolade, sondern etwas ganz anderes. Aber ich bin mir sicher, dass du so einen Moment schon einmal erlebt hast.
Solche Momente fühlen sich oft an wie ein persönliches Scheitern.
Schon wieder.
Warum kriege ich das nicht hin?
Und ziemlich schnell ist sie da, diese Erklärung: mangelnde Disziplin.
Warum wir Gewohnheiten falsch verstehen
Wenn es um Gewohnheiten geht, reden wir viel über Durchhalten, Selbstkontrolle und Willenskraft. Dabei entstehen Gewohnheiten im ersten Schritt vor allem dort, wo unser Gehirn Energie sparen will.
Das Gehirn liebt Routinen. Nicht, weil sie gut sind – sondern weil sie effizient sind. Was oft genug wiederholt wird und kurzfristig Erleichterung bringt, wird automatisiert.
Viele Gewohnheiten, die wir heute verändern wollen, haben uns also irgendwann geholfen. Sie waren Lösungen für Stress, Überforderung oder innere Unruhe. Dass sie heute nicht mehr gut tun, macht sie nicht falsch – nur eben überholt.
Denn viele Gewohnheiten, die wir gerne ändern würden, sind keine schlechten Entscheidungen. Sie sind Reaktionen. Auf Stress. Auf Überforderung. Auf Gefühle.
Wahrscheinlich hat da jeder sein eigenes kleines Laster zu tragen. Nach der Arbeit sich durch Serien beschallen lassen? Schnell ein Fertiggericht mampfen anstatt frisch zu kochen? Im Bett liegen bleiben, obwohl man zum Sport wollte?
Emotionales Essen ist hier ein gutes Beispiel – meine persönliche Königsdisziplin.
Es ist ja nicht so, als wüsste man nicht, dass Gemüsesticks jetzt viel gesünder wären. Aber darum geht es in dem Moment nicht. Es ist nicht der Magen, der ein Hungersignal gibt.
Sondern: Süßes leistet in dem Moment etwas: Es beruhigt, lenkt ab, macht es für einen kurzen Moment leichter. Ein kleines Dopamin-High. Ähnlich ist es mit deinen ganz persönlichen Königsdisziplinen: Es fühlt sich zunächst vermeintlich besser an, dient dir aber langfristig nicht mehr.
Die Gewohnheit ist also nicht das eigentliche Problem.
Sie ist eine Lösung. Nur eben keine besonders nachhaltige.
Warum neue Routinen so oft scheitern
Viele Versuche, Gewohnheiten zu ändern, setzen genau hier falsch an.
Wir überlegen uns eine bessere Alternative – und wundern uns, warum sie nicht greift.
Mehr Disziplin. Mehr Struktur. Mehr „Ich sollte doch eigentlich…“.
Was dabei oft fehlt, ist die Auseinandersetzung mit Fragen wie:
Was ist eigentlich das Ziel dieser alten Gewohnheit? Stressbewältigung? Erholung? Ein kurzzeitig besseres Gefühl?
Was brauche ich in diesem Moment wirklich?
Solange wir das nicht wissen, fühlt sich jede neue Gewohnheit wie zusätzliche Arbeit an. Und nicht wie Unterstützung.
Verstehen kommt vor Verändern
Der erste Schritt ist deshalb nicht, etwas anders zu machen.
Sondern wahrzunehmen, was gerade in uns passiert.
Welche Gefühle sind da, kurz bevor wir automatisch handeln?
Stress? Müdigkeit? Langeweile? Innere Unruhe?
Und genau hier kommt etwas ins Spiel, das erstaunlich unspektakulär klingt – aber viel verändern kann: aufschreiben.
Journaling als kleine Unterbrechung im Autopiloten
Es geht dabei nicht um seitenlange Texte oder tiefgründige Analysen.
Oft reicht ein Satz. Manchmal sogar nur ein Wort.
- Ich bin gerade überfordert.
- Ich fühle mich leer.
- Ich habe eigentlich keine Energie mehr.
Das Aufschreiben verlangsamt den Gedankenstrom.
Gefühle werden greifbarer, weniger diffus. Sie verlieren etwas von ihrer Dringlichkeit. Und genau in diesem kleinen Moment entsteht Abstand – zwischen Impuls und Handlung.
Journaling löst keine Probleme.
Aber es hilft, sie klarer zu sehen.
Vier konkrete Schritte für mehr Bewusstsein in deinen Gewohnheiten
- Eine Gewohnheit bewusst auswählen
Bevor du etwas verändern willst, nimm dir einen Moment und frage dich:
Wenn ich einen Zauberstab hätte – welche Gewohnheit würde ich jetzt bei mir ändern wollen?
Nicht zehn. Nicht alles auf einmal. Eine Sache, die dich wirklich stört. - Den Moment davor wahrnehmen
Beobachte diese Gewohnheit für ein paar Tage, ohne sie zu verändern. Wann tritt sie auf? Was ist kurz davor passiert? Wie fühlt sich dein Körper an? - Gefühle aufschreiben – kurz und ehrlich
Schreibe genau in diesen Momenten ein paar Stichworte auf. Nicht analysieren. Nicht bewerten. Nur festhalten, was da ist. Das allein kann den Autopiloten unterbrechen. - Bewusstheit vor Veränderung stellen
Erst danach lohnt sich die Frage: Was würde mir in diesem Moment wirklich helfen?
Manchmal ist die Antwort überraschend simpel. Manchmal braucht sie Zeit. Beides ist in Ordnung.
Zum Schluss
Gewohnheiten verändern sich selten durch Druck.
Sondern durch Aufmerksamkeit, Verständnis und Geduld. Ich werde weiterhin meine Eichhörnchen-Momente haben. Und das ist auch okay, solange ich versuche in solchen Momenten mehr in mich reinzuhorchen.
Vielleicht beginnt persönliche Entwicklung nicht mit einer neuen Routine.
Sondern mit der Entscheidung, sich selbst besser wahrzunehmen – auch in den Momenten, die nicht besonders schön oder erfolgreich wirken.
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