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  • Der seltsamste Kurs meines Studiums – und warum er mich bis heute prägt

    Der seltsamste Kurs meines Studiums – und warum er mich bis heute prägt

    3–5 Minuten

    Wenn mir jemand damals gesagt hätte, dass einer der wichtigsten Kurse meines Studiums „Project YOU“ heißen würde, hätte ich vermutlich gelacht.

    Tja, little did I know..

    Ich habe in den Niederlanden International Business studiert. Klingt erstmal total cool. Ich habe es immer liebevoll „BWL auf Englisch“ genannt. Vielleicht etwas unspektakulär und wahrscheinlich ein bisschen lahm für viele. „Wer nicht weiß, was er oder sie mit dem Leben anfangen soll, fängt erstmal ein BWL Studium an.“ Wer kennt diesen Spruch nicht. Ich selber habe ich ihn immer etwas belächelt. Ich fand die Vorstellung ziemlich spannend, Wirtschaft zu studieren. Zahlen. Strategien. Internationale Märkte. Keiner hätte sich wohl vorstellen können, dass BWL irgendetwas mit Gefühlen, Reflexionen und ein tägliches Journalbuch zutun haben könnte.

    Die Kursnamen an meiner holländischen Uni waren aber alles andere als ‚klassisch‘. Natürlich hatten wir auch Finance und Marketing. Aber eben auch den Kurs „Project YOU“.

    Als Teil dieses Kurses sollten wir regelmäßig über uns selbst reflektieren. Schriftlich. Und wir wurden dafür benotet. Ehrlich gesagt dachte ich damals, dass das ein bisschen absurd sei. Wofür braucht man sowas bitte? Es geht doch hier um hier um Business.

    Was damals völlig absurd wirkte, empfinde ich heute als eines der wertvollsten Geschenke meines Studiums.


    Ein Buch, das alles ins Rollen brachte

    Zu Beginn des Kurses sollten wir das Buch
    „The 7 Habits of Highly Effective People“ von Stephen R. Covey lesen.

    Ein Buch lesen – soweit, so normal.
    Was danach kam, erschien uns allerdings ziemlich bescheuert.

    Wir sollten nicht nur die sieben „Habits“ verstehen, sondern sie auf unser eigenes Leben beziehen und darüber einen Essay schreiben. Zusätzlich mussten wir ein tägliches Reflexionsjournal führen. Mindestens 15 Minuten am Tag.

    „Jeden Tag reflektieren? Ernsthaft? Worüber denn bitte? Es passiert doch nicht täglich etwas Spektakuläres.“

    Das waren nicht nur meine Gedanken.
    Meine komplette Klasse war sich einig: Das kann doch nicht ernst gemeint sein.


    Was ist in deinem ‚Circle of Influence‘?

    Heute sehe ich das anders. Diese Übung war unglaublich kraftvoll. Und sie beeinflusst mich bis heute.

    Covey beschreibt in seinem Buch sieben Gewohnheiten für „highly effective people“. Ich würde es wahrscheinlich eher „highly reflective people“ nennen.

    Ich werde hier nicht jede Gewohnheit einzeln erklären – dafür gibt es genügend Zusammenfassungen online. Aber ein Prinzip ist mir besonders hängen geblieben: der Circle of Influence.

    Der Circle of Influence beschreibt den Bereich, in dem wir tatsächlich handlungsfähig sind. Den Teil unseres Lebens, auf den wir aktiv Einfluss nehmen können.

    Dem gegenüber steht der Circle of Concern – also alles, worüber wir uns sorgen, das wir aber nicht kontrollieren können.

    Wenn wir unseren Fokus ständig auf Probleme, auf andere Menschen oder auf äußere Umstände richten, schrumpft unser Einflussbereich.
    Wir geben Verantwortung ab. Wir reagieren nur noch – statt zu agieren.

    In schwierigen Situationen frage ich mich deshalb heute bewusst:

    • Was liegt gerade in meiner Macht?
    • Welche Möglichkeiten ergeben sich trotz der Umstände?
    • Und was gehört nicht in meinen Einflussbereich – und darf losgelassen werden?

    Diese Fragen verändern Perspektiven und oft auch meine Entscheidungen.


    Wie ich heute zu Journaling stehe

    Am Anfang war das Journal mühsam.
    Ich wusste oft nicht, worüber ich schreiben sollte und mir kam mein Alltag zu unspektakulär vor.

    Aber genau da lag der Denkfehler.

    Reflexion braucht keine großen Ereignisse, sondern eigentlich nur ein bisschen Aufmerksamkeit und regelmäßige Übung.

    Was sich damals wie eine unnütze Aktivität anfühlte, war in Wahrheit Training. Reflektieren ist wie ein Muskel. Am Anfang fühlt es sich ungewohnt an. Vielleicht sogar anstrengend. Aber je öfter man ihn benutzt, desto stärker wird die Fähigkeit. Es ist ein Training darin, Verantwortung zu übernehmen, den eigenen Handlungsspielraum zu erkennen und nicht nur zu reagieren, sondern bewusst zu entscheiden.

    Heute weiß ich: Es geht nicht darum, etwas Außergewöhnliches zu erleben und darüber zu reflektieren. Sondern darum, Gewöhnliches bewusst zu betrachten. Journaling ist zu meiner Routine geworden und ich merke, wie es mir hilft, meine Gedanken und Gefühle klarer zu verstehen und zu verarbeiten.

    Und genau das ist für mich heute Journaling:
    kein Trend, sondern ein Werkzeug, um klarer zu sehen.


    Fragen für deine nächste Herausforderung

    Falls du das nächste Mal in einer schwierigen Situation bist, kannst du dir gerne mal über folgende Fragen deine ganz persönlichen Gedanken machen:

    • Was liegt gerade in meinem Handlungsspielraum?
    • Und wie kann ich ihn erweitern?
    • Und wo darf ich aufhören, Energie zu verschwenden, weil ich es ohnehin nicht ändern kann?

    Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einer perfekten Lösung, sondern mit einer ehrlichen Reflexion.

    Wie begegnest du dem Thema Reflexion in deinem Leben?

  • Gewohnheiten verstehen statt sich quälen: Weniger Disziplin, mehr Aufmerksamkeit

    4–5 Minuten

    Es ist später Nachmittag. Der Tag war voll, der Kopf raucht. Eigentlich wollte ich nach der Arbeit noch kurz rausgehen und danach vielleicht etwas Frisches kochen. Stattdessen finde ich mich in der Küche wieder und suche wie ein Eichhörnchen auf Jagd nach der letzten Nuss vor dem Winterschlaf nach etwas Süßem.

    Adorable squirrel enjoying a nut in a sunlit forest setting, showcasing nature's beauty.

    Einfach, weil ich es gerade „brauche“ nach so einem anstrengenden Tag. Mal kurz raus aus dem Stress und sich etwas „Gutes“ tun.  Die Schoki macht mich für einen Moment glücklich, das Dopamin schlägt aus. Aber der Moment geht vorbei und ich fühle mich wieder gestresst. Zusätzlich habe ich jetzt auch ein schlechtes Gewissen und Lust auf rausgehen habe ich jetzt auch nicht mehr. Na toll. Das nennt man wohl eine klassische Lose-Lose Situation. Der innere Schweinehund 1 – meine Disziplin 0.

    Na, erkennst du dich wieder? Vielleicht ist es bei dir nicht die Schokolade, sondern etwas ganz anderes. Aber ich bin mir sicher, dass du so einen Moment schon einmal erlebt hast.

    Solche Momente fühlen sich oft an wie ein persönliches Scheitern.
    Schon wieder.
    Warum kriege ich das nicht hin?

    Und ziemlich schnell ist sie da, diese Erklärung: mangelnde Disziplin.


    Warum wir Gewohnheiten falsch verstehen

    Wenn es um Gewohnheiten geht, reden wir viel über Durchhalten, Selbstkontrolle und Willenskraft. Dabei entstehen Gewohnheiten im ersten Schritt vor allem dort, wo unser Gehirn Energie sparen will.

    Das Gehirn liebt Routinen. Nicht, weil sie gut sind – sondern weil sie effizient sind. Was oft genug wiederholt wird und kurzfristig Erleichterung bringt, wird automatisiert.

    Viele Gewohnheiten, die wir heute verändern wollen, haben uns also irgendwann geholfen. Sie waren Lösungen für Stress, Überforderung oder innere Unruhe. Dass sie heute nicht mehr gut tun, macht sie nicht falsch – nur eben überholt.

    Denn viele Gewohnheiten, die wir gerne ändern würden, sind keine schlechten Entscheidungen. Sie sind Reaktionen. Auf Stress. Auf Überforderung. Auf Gefühle.

    Wahrscheinlich hat da jeder sein eigenes kleines Laster zu tragen. Nach der Arbeit sich durch Serien beschallen lassen? Schnell ein Fertiggericht mampfen anstatt frisch zu kochen? Im Bett liegen bleiben, obwohl man zum Sport wollte?

    Emotionales Essen ist hier ein gutes Beispiel – meine persönliche Königsdisziplin.
    Es ist ja nicht so, als wüsste man nicht, dass Gemüsesticks jetzt viel gesünder wären. Aber darum geht es in dem Moment nicht. Es ist nicht der Magen, der ein Hungersignal gibt.
    Sondern: Süßes leistet in dem Moment etwas: Es beruhigt, lenkt ab, macht es für einen kurzen Moment leichter. Ein kleines Dopamin-High. Ähnlich ist es mit deinen ganz persönlichen Königsdisziplinen: Es fühlt sich zunächst vermeintlich besser an, dient dir aber langfristig nicht mehr.

    Die Gewohnheit ist also nicht das eigentliche Problem.
    Sie ist eine Lösung. Nur eben keine besonders nachhaltige.


    Warum neue Routinen so oft scheitern

    Viele Versuche, Gewohnheiten zu ändern, setzen genau hier falsch an.
    Wir überlegen uns eine bessere Alternative – und wundern uns, warum sie nicht greift.

    Mehr Disziplin. Mehr Struktur. Mehr „Ich sollte doch eigentlich…“.

    Was dabei oft fehlt, ist die Auseinandersetzung mit Fragen wie:

    Was ist eigentlich das Ziel dieser alten Gewohnheit? Stressbewältigung? Erholung? Ein kurzzeitig besseres Gefühl?

    Was brauche ich in diesem Moment wirklich?

    Solange wir das nicht wissen, fühlt sich jede neue Gewohnheit wie zusätzliche Arbeit an. Und nicht wie Unterstützung.


    Verstehen kommt vor Verändern

    Der erste Schritt ist deshalb nicht, etwas anders zu machen.
    Sondern wahrzunehmen, was gerade in uns passiert.

    Welche Gefühle sind da, kurz bevor wir automatisch handeln?
    Stress? Müdigkeit? Langeweile? Innere Unruhe?

    Und genau hier kommt etwas ins Spiel, das erstaunlich unspektakulär klingt – aber viel verändern kann: aufschreiben.


    Journaling als kleine Unterbrechung im Autopiloten

    Es geht dabei nicht um seitenlange Texte oder tiefgründige Analysen.
    Oft reicht ein Satz. Manchmal sogar nur ein Wort.

    • Ich bin gerade überfordert.
    • Ich fühle mich leer.
    • Ich habe eigentlich keine Energie mehr.

    Das Aufschreiben verlangsamt den Gedankenstrom.
    Gefühle werden greifbarer, weniger diffus. Sie verlieren etwas von ihrer Dringlichkeit. Und genau in diesem kleinen Moment entsteht Abstand – zwischen Impuls und Handlung.

    Journaling löst keine Probleme.
    Aber es hilft, sie klarer zu sehen.


    Vier konkrete Schritte für mehr Bewusstsein in deinen Gewohnheiten

    1. Eine Gewohnheit bewusst auswählen
      Bevor du etwas verändern willst, nimm dir einen Moment und frage dich:
      Wenn ich einen Zauberstab hätte – welche Gewohnheit würde ich jetzt bei mir ändern wollen?
      Nicht zehn. Nicht alles auf einmal. Eine Sache, die dich wirklich stört.
    2. Den Moment davor wahrnehmen
      Beobachte diese Gewohnheit für ein paar Tage, ohne sie zu verändern. Wann tritt sie auf? Was ist kurz davor passiert? Wie fühlt sich dein Körper an?
    3. Gefühle aufschreiben – kurz und ehrlich
      Schreibe genau in diesen Momenten ein paar Stichworte auf. Nicht analysieren. Nicht bewerten. Nur festhalten, was da ist. Das allein kann den Autopiloten unterbrechen.
    4. Bewusstheit vor Veränderung stellen
      Erst danach lohnt sich die Frage: Was würde mir in diesem Moment wirklich helfen?
      Manchmal ist die Antwort überraschend simpel. Manchmal braucht sie Zeit. Beides ist in Ordnung.

    Zum Schluss

    Gewohnheiten verändern sich selten durch Druck.
    Sondern durch Aufmerksamkeit, Verständnis und Geduld. Ich werde weiterhin meine Eichhörnchen-Momente haben. Und das ist auch okay, solange ich versuche in solchen Momenten mehr in mich reinzuhorchen.

    Vielleicht beginnt persönliche Entwicklung nicht mit einer neuen Routine.
    Sondern mit der Entscheidung, sich selbst besser wahrzunehmen – auch in den Momenten, die nicht besonders schön oder erfolgreich wirken.

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